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Wer bekommt eine Psychose?

Wer bekommt eine Psychose?

Grundsätzlich kann jeder Mensch eine Psychose bekommen.

Sie ist sogar ein Schutzmechanismus, wenn die Realität zu schmerzhaft, die Widersprüche zwischen innerer und äußerer Welt zu stark, Entscheidungen unmöglich oder Gefühle nicht auszuhalten sind.

Ob und in welchen Situationen Menschen mit einer Psychose reagieren, hängt von ihrer Dünnhäutigkeit oder Verletzlichkeit (in der Fachsprache: Vulnerabilität) ab. Bei extremer Belastung – wie z.B. einer Traumatisierung – können auch sehr stabile Menschen so reagieren. Bei Menschen mit einer ausgeprägten Dünnhäutigkeit können aber weit weniger Belastungen zu psychotischen Reaktionen führen, vor allem in instabilen Zeiten wie der Pubertät, nach der Geburt eines Kindes oder nach dem Verlust eines nahestehenden Menschen.

Wie entsteht Dünnhäutigkeit?

Eine ausgeprägte Dünnhäutigkeit kann durch verschiedene Risikofaktoren beeinflusst werden, etwa traumatische Erlebnisse, frühe Entwicklungsstörungen, familiäre Vorbelastungen (z.B. genetisch), eine Verletzung oder schwere Infektion des Gehirns oder sehr früher und massiver Cannabiskonsum (auch: Marihuana oder Haschisch). 

Trotzdem ist eine Erkrankung nicht immer unvermeidbar. Durch die schützende Wirkung anderer Faktoren - etwa eine gute soziale Einbindung, eine stabile Partnerschaft oder gute Bewältigungsfähigkeiten - kann der Ausbruch einer Psychose ausbleiben.

Warum Psychosen zutiefst menschlich sind

Wir Menschen müssen im Unterschied zu anderen Lebewesen um unser Selbstverständnis ringen. D.h. wir können an uns zweifeln, an anderen zweifeln und dabei auch verzweifeln. Wir können über uns hinaus denken und uns dabei auch verlieren. Wer darüber psychotisch wird, kann auf andere befremdlich wirken, ist aber kein Wesen vom anderen Stern, sondern zutiefst menschlich. Denn jeder Mensch kann psychotisch werden. Ab einer bestimmten Überreizung (Traumatisierung) steigt jeder aus der Wirklichkeit aus. Wenn alle Reize entfernt werden, fängt jeder an „zu spinnen“. Das ist ein Schutzmechanismus. Nur die Schwelle ist verschieden, ab der wir so reagieren. 

Ein Mensch in einer Psychose greift auf eine kindliche Wahrnehmungsform zurück. Er nimmt die Welt „egozentrisch“ war (d.h. er hält seine eigene Wahrnehmung/Ansicht für die einzig richtige, nicht eine unter vielen) und versucht so die unübersichtliche Welt zu ordnen. 

Psychosen haben Ähnlichkeiten mit Träumen, nur dass wir im Traum durch den Schlaf geschützt sind. Wie in Träumen so werden wir auch in Psychosen von unbewussten Wünschen und Ängsten berührt. Insofern kann es sich lohnen, die Erfahrungen in einer Psychose zu verstehen und zu entschlüsseln. Das gelingt vielleicht nicht im akuten Moment. Später kann es aber Sinn machen, über diese Erfahrungen nachzudenken. Psychotherapeuten oder Peer-Berater können dabei helfen.

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