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Bitte beachten Sie, dass Gesundheitsinformationen das Gespräch mit einem Psychotherapeuten oder Arzt immer nur unterstützen, aber niemals ersetzen können.

Was ist eine Bipolare Störung?

Bipolare Störungen oder manisch-depressive Erkrankungen zeichnen sich durch ausgeprägte Schwankungen im Antrieb, im Denken und in der Stimmungslage einer Person aus. So durchleben Menschen mit Bipolaren Störungen depressive Phasen und Phasen euphorischer oder ungewöhnlich gereizter Stimmung. Letztere gehen mit einem deutlich gesteigerten Antrieb einher. Sind diese Phasen schwach ausgeprägt, spricht man von hypomanen, in voller Ausprägung von manischen Episoden. Bei schweren Manien kommen Symptome (Krankheitszeichen) einer Psychose hinzu, zum Beispiel Größenwahn oder Verfolgungswahn.

Bei einer hypomanen Episode
 kommt es an vier aufeinander folgenden Tagen zu einer ungewöhnlich gehobenen oder gereizten Stimmung. 

Mindestens drei der folgenden Merkmale liegen außerdem vor: gesteigerte Aktivität, Unruhe, Gesprächigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, vermindertes Schlafbedürfnis, Steigerung der Libido (Liebeslust), leichtsinniges Verhalten, gesteigerte Geselligkeit. 

Zeitweise können auch Kreativität und Leistungsvermögen deutlich über dem normalem Level liegen. Die Symptome sind nicht so stark ausgeprägt, dass es zu sozialen Konsequenzen wie Arbeitsplatzverlust oder Ausgrenzung kommt. 

Bei einer manischen Episode ist die Stimmung für mindestens eine Woche ungewöhnlich gehoben oder auch gereizt und die Symptome stellen eine schwere Beeinträchtigung der Lebensführung dar. Zunächst kann eine manische Phase aber auch eine gesteigerte Leistungsfähigkeit mit sich bringen. 

Es müssen mindestens drei der folgenden Merkmale vorliegen: gesteigerte Aktivität, Ruhelosigkeit, Rededrang, Ideenflucht (ständiges schnelles Reden mit abrupten Sprüngen von Thema zu Thema), das Gefühl, dass die Gedanken rasen, Verlust sozialer Hemmungen, vermindertes Schlafbedürfnis, überhöhte Selbsteinschätzung, Ablenkbarkeit, ständiger Wechsel von Aktivitäten, tollkühnes oder rücksichtsloses Verhalten, gesteigerte Libido.

1 bis 3 von 100 Menschen leiden zeitlebens an einer Bipolaren Störung

Wie häufig treten Bipolare Störungen auf?

1 bis 3 von 100 Menschen erkranken im Laufe ihres Lebens an einer Bipolaren Störung. Im Gegensatz zu den rein depressiven Erkrankungen sind Frauen und Männer gleich häufig betroffen. Häufig liegen bei Menschen mit Bipolaren Störungen weitere psychische Erkrankungen vor, wie z. B. Angst-, Zwangs- und Suchterkrankungen, Persönlichkeitsstörungen oder das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS). 

Bipolare Erkrankungen können jeden Menschen betreffen und beginnen überwiegend im frühen Erwachsenenalter um das 18. Lebensjahr. Doch auch im späteren Leben kann eine Lebenskrise oder Umbruchsituation eine solche psychische Erkrankung auslösen.

Gibt es unterschiedliche Formen oder Verläufe?

Bei einer Bipolar-I-Störung haben die Betroffenen ausgeprägte Manien und Depressionen, bei einer Bipolar-II-Störung kommen ebenfalls Depressionen, jedoch im Wechsel mit schwächer ausgeprägten Manien, den Hypomanien, vor.

Leidet ein Mensch über zwei Jahre unter starken Stimmungsschwankungen, die jedoch nicht so stark ausgeprägt sind wie bei depressiven-manischen Phasen, nennt man dies Zyklothymia. Hierbei handelt es sich um eine abgeschwächte Form einer Bipolaren Störung. Sind mehr als vier Krankheitsepisoden pro Jahr vorhanden, spricht man von einem „Rapid-Cycling-Verlauf“ (aus dem Englischen: rapid = schnell, cycling = wiederkehrendes Durchlaufen).

Wie entsteht eine Bipolare Störung?

Eine eindeutige Ursache konnte bisher noch nicht festgestellt werden. Aktuell geht man von einem sogenannten multifaktoriellen Geschehen aus. Das heißt, dass mehrere Faktoren in unterschiedlicher Kombination als Ursache in Frage kommen. Hierzu zählen biologische Ursachen wie Veränderungen in Genen und im Botenstoffsystem des Gehirns oder hormonelle Veränderungen.

Ebenso können Umweltfaktoren wie andauernder Stress, frühe Verlusterlebnisse oder traumatische Erfahrungen wie sexueller, emotionaler oder körperlicher Missbrauch eine Rolle spielen. 

Menschen sind vor dem Hintergrund solcher Faktoren unterschiedlich anfällig für psychische Erkrankungen. Kommt z. B. ein belastendes Lebensereignisse hinzu, kann dies bei manchen Personen der Auslöser für eine psychische Erkrankung wie eine Bipolare Störung sein.

Wie findet man heraus, ob man unter einer Bipolaren Störung leidet?

In vielen Fällen sind es die Angehörigen, die darauf drängen, die „extremen“ Stimmungsschwankungen untersuchen zu lassen. Die Diagnose einer Bipolaren Erkrankung ist eine „klinische Diagnose“, das heißt es existiert kein Laborwert, der Auskunft über das Vorhandensein der Erkrankung geben könnte.
 
Um festzustellen, ob wirklich eine Bipolare Störung vorliegt, ist ein ausführliches Gespräch bei einem Psychotherapeuten notwendig. Hier ist es hilfreich – sofern der Patient zustimmt – Angehörige oder Freunde in die Diagnose mit einzubeziehen. Der Therapeut erhält so wichtige zusätzliche Information, durch die er den bisherigen Verlauf der Erkrankung besser abschätzen kann. Denn oft unterscheiden sich das Erlebte des Betroffenen sehr stark von dem, was sein unmittelbares Umfeld wahrgenommen hat.

Zusätzlich wird durch eine Untersuchung (z. B. Blutanalyse, Magnetresonanztomographie) ausgeschlossen, dass eine körperliche Ursache, wie etwa eine Fehlfunktion der Schilddrüse, für die Veränderungen in Frage kommt.

Mehr erfahren: Selbsttest Bipolare Störungen.


Selbsttests ersetzen keine fachliche Diagnose. Wenden Sie sich hierzu bitte an einen Facharzt oder Psychotherapeuten!

Bei der Bipolar-I-Störung treten bei mehr als 90 von 100 Betroffenen mehrere Episoden auf. Manische Episoden kommen bei den meisten Betroffenen sehr viel seltener als depressive Episoden vor. Oftmals bestimmt daher die Depression den Krankheitsverlauf. Ein Mensch, der unter Bipolar-I-Störung leidet, erlebt im Schnitt ungefähr acht Krankheitsphasen. Der Verlauf ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich und hängt von verschiedenen Faktoren ab – u.a. vom Alter, als die Erkrankung begann, vom Geschlecht oder davon, ob noch andere psychische Erkrankungen vorliegen.

Das Selbsttötungsrisiko ist 20 bis 30 mal so hoch wie bei gesunden Menschen. Ungefähr 25 bis 50 von 100 Betroffenen unternehmen im Laufe des Lebens einen Selbstmordversuch, ungefähr 5 bis 15 von 100 sterben dadurch.

Suizidgedanken oder Ankündigungen eines Suizids (Selbsttötung) sind in jedem Fall ernst zu nehmen, 8 bis 9 von 10 Suiziden werden vorher angekündigt. Bei akuten Suizidgedanken muss dringend therapeutische Hilfe aufgesucht werden. „Akut“ bedeutet, wenn jemand konkret vorhat, sich das Leben zu nehmen und plant, wie er es tun will. Sich diese Hilfe zu holen, ist jedoch für den Erkrankten oft sehr schwierig.

Studie: Psychotherapie zur Rückfallprävention einer Bipolaren Störung

Das deutschlandweite Verbundforschungsprojekt BipoLife sucht Menschen zwischen 18 und 55 Jahren mit Bipolaren Störungen (manisch-depressiv) aus den Regionen Hamburg, Berlin, Dresden, Marburg, Frankfurt, Bochum, Tübingen, Göttingen oder München. Eine weitere Voraussetzung für die Teilnahme an der Therapiestudie ist die Bereitschaft zu einer bzw. eine bereits bestehende psychiatrische Behandlung und das Interesse an einer Gruppentherapie.

Nehmen Sie hier an der Studie teil.


Wie wird eine Bipolare Störung behandelt?

Selbststeuerung und Selbstverantwortung durch den Patienten können mehr bewirken als man lange annahm. Dafür beginnen Menschen mit Bipolaren Störungen in der Regel eine Psychotherapie – oft auch mit begleitender medikamentöser Unterstützung. Ziel ist es, aktuelle Beschwerden einer Bipolaren Krankheitsphase zu lindern und zukünftigen vorzubeugen. Medikamente können erneut auftretende Bipolare Episoden zwar nicht völlig verhindern, aber abmildern oder die Zeit bis zu einer nächsten Episode verlängern. 

Psychotherapeutische Verfahren gelten als sehr wirksam. Dies gilt vor allem, wenn sie die persönlichen Problemstellungen und Stärken der betreffenden Person beachten und ihre Angehörigen miteinbeziehen. Dies sollte nach Möglichkeit schon zum Start der Therapie geschehen – vorausgesetzt, der Patient stimmt dem zu. Oft ist eine Kombination aus medikamentöser und psychotherapeutischer Behandlung notwendig und sinnvoll, um eine angemessene Therapie zu beginnen.

Was können Freunde und Angehörige tun?

Die unterschiedlichen Episoden einer Bipolaren Störung sind für Angehörige und nahe Freunde sehr belastend. Sich gut über die Erkrankung zu informieren, am besten gemeinsam mit dem betroffenen Partner oder Familienmitglied, erleichtert es, mit den oft widersprüchlichen Äußerungen und Verhaltensweisen sowie den stark schwankenden Stimmungslagen umgehen zu können.
 
Um die seelischen Krisen während einer Krankheitsphase zu meistern, benötigen Angehörige Gelassenheit und Aufmerksamkeit zugleich, müssen balancieren zwischen Zuwendung und Abgrenzung, Mitgefühl für den Betroffenen und Rückmeldungen darüber, was dies bei ihnen auslöst. 

Dieses Gleichgewicht einzuhalten, stellt einen längeren Lernprozess dar, der viel Geduld erfordert. Selbsthilfegruppen für Angehörige bieten Unterstützung und Impulse, um mit den Herausforderungen der Erkrankung zurecht zu kommen.

Quellen:

Marneros, A. (2004). Handbuch der unipolaren und bipolaren Erkrankungen. Stuttgart: Thieme.

Benkert, O., Graf-Morgenstern, M. & Hautzinger, M. (2008). Psychopharmokologischer Leitfaden für Psychologen und Psychotherapeuten. Heidelberg: Springer Medizin Verlag.

Bock, T. & Koesler, A. (2006). Bipolare Störungen. Manie und Depression verstehen und behandeln. Bonn: Psychiatrie-Verlag.

Verfasst von:

Dr. Daniel Schöttle (Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie), Prof. Dr. Thomas Bock (Psychologischer Psychotherapeut), Cordula S. (Erfahrene mit Bipolarer Erkrankung)

Datum der Erstellung: 19.08.2011
Datum der letzten inhaltlichen Überarbeitung: 15.06.2016
Datum der nächsten inhaltlichen Überarbeitung: 15.06.2017

Mehr anzeigen...

Goodwin, F.K. & Jamison, K.R. (2007). Manic-depressive illness: Bipolar disorders and re-current depression. New York: Oxford University Press.

Meyer, T.D. & Hautzinger, M. (2000). Manisch-depressive Störungen: kognitiv-verhaltenstherapeutisches Behandlungsmanual. Weinheim: Beltz.

Yatham, L:N., Kennedy, S.H., Schaffer, A., Parikh, S.V., Beaulieu, S., O’Donovan, C. et al. (2009). Canadian Network for Mood and Anxiety Treatments (CANMAT) and International Society for Bipolar Disorders (ISBD) collaborative update of CANMAT guidelines for the management of patients with bipolar disorder: update 2009. Bipolar Disorders, 11, 225–255.

Wissen über Bipolare Störungen. Verfügbar unter: www.psychose.de/wissen-ueber-psychosen-57.html [Stand: 23.09.2011]